Newsletter 03/2026
Sich selbst wiederfinden nach Traum
In den letzten beiden Monaten haben wir uns damit beschäftigt, wie Heilung von Trauma beginnt: zuerst durch das Verstehen des Nervensystems, dann durch die Entlastung, die entsteht, wenn wir begreifen, warum unser Körper so reagiert, wie er reagiert. Darauf aufbauend widmen wir uns nun einem nächsten, sehr zentralen Schritt.
Viele Menschen berichten mir, dass sie sich nach einem akuten Trauma (Unfall, Übergriff, medizinisches Ereignis) nicht mehr als „sie selbst“ fühlen. Manchmal ist dieses Gefühl ganz deutlich, manchmal sehr subtil: eine innere Entfernung, eine gedämpfte Wahrnehmung, eine Unsicherheit darüber, wer man eigentlich ist. Es ist ein leiser Verlust, der oft erst spät erkannt wird – und der doch zu den zentralen Folgen traumatischer Erfahrungen gehört.
Vielleicht kennst du etwas davon:
- Du spürst deine Bedürfnisse kaum oder erst sehr spät.
- Es fällt dir schwer zu merken, was dir guttut und was dich überfordert.
- Du funktionierst, aber innerlich fühlst du dich nur teilweise anwesend.
Diese Erfahrungen sind keine „Charakterschwierigkeiten“. Sie sind Ausdruck eines Nervensystems, das gelernt hat, sich zu schützen, indem es die Verbindung nach innen reduziert hat. Und genau an dieser Stelle beginnt Heilung.
Was bedeutet es, sich nach Trauma wiederzufinden?
Trauma trennt uns nicht nur von Sicherheit, sondern oft auch von uns selbst. Das innere Erleben wird gedämpft, weil Fühlen einmal zu viel war. Bedürfnisse wurden verschoben, weil sie nicht erfüllt werden konnten. Und das Selbstbild wurde geprägt von Überlebensstrategien: Leistungsdruck, Rückzug, Angepasstheit, Hyperachtsamkeit.
Sich selbst wiederzufinden bedeutet nicht, „die alte Version“ wiederzubekommen. Es bedeutet, langsam Zugang zu einem tieferen, wahrhaftigen Selbst zu bekommen – einem Selbst, das nie verloren war, sondern nur geschützt wurde. Dieser Prozess ist zart. Er entsteht nicht durch Nachdenken, sondern durch feines Hinspüren. Und er geschieht in einem Tempo, das dein System verträgt.
Wie zeigt sich die Rückkehr zu dir selbst?
Es sind oft kleine Hinweise: - Du bemerkst eine Empfindung früher als sonst.
- Du spürst plötzlich ein leises Nein – oder ein echtes Ja.
- Du erlebst kurze Momente von Klarheit.
- Du merkst, dass du weniger automatisch reagierst.
Wiederfinden heißt nicht, dass alles klar ist. Wiederfinden heißt, dass du beginnst, dich selbst wieder wahrzunehmen.
Ein kleiner Schritt für deinen Alltag
Nimm dir in den kommenden Tagen jeweils einen Moment, in dem du dir eine einzige Frage stellst:
„Was fühle ich gerade – und wo im Körper spüre ich es?“
Du musst keine große Analyse machen. Ein Wort genügt. Ein Ort im Körper genügt. Dieser kleine Schritt öffnet Türen, die lange geschlossen waren.
Einladung zur gemeinsamen Arbeit
Vielleicht spürst du beim Lesen, dass manche Schritte leichter fallen, wenn jemand sie mit dir gemeinsam hält. In meiner Arbeit begleite ich Menschen genau an diesen Schwellen: dort, wo das Nervensystem sich beruhigen möchte, wo wieder Gefühl entsteht und wo das eigene Tempo respektiert werden muss. Wir arbeiten dabei nicht nach einem festen Schema, sondern entlang dessen, was dein System in diesem Moment erlaubt. Manchmal ist es ein sanftes Hinspüren, manchmal ein klarer innerer Impuls, manchmal das Wiederfinden eines bislang überdeckten Gefühls. All das ist Teil eines behutsamen, individuellen Prozesses. Reguläre Termine kannst du jederzeit selbst über meinen Online-Kalender buchen, verschieben oder stornieren. Nur für echte Notfallsituationen bitte ich um eine kurze Nachricht per E-Mail.
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