Newsletter 12/2024
Eine Persönliche Empfehlung: Gebt mir etwas Zeit
In diesem Jahr möchte ich meinen aufmerksamen Leserinnen und Lesern ein Buch empfehlen, vielleicht sogar als Weihnachts-Geschenk, das mich persönlich so tief berührt und begleitet hat, daß ich es gleich mehrfach "anhörte". Hape liest es nämlich sehr gekonnt selbst, was einem Audiobuch meist eine besondere Note verleiht.
Alle Werke von Hape Kerkeling haben für mich eine besondere Qualität – Warmherzigkeit, feiner Humor und eine seltene Fähigkeit, selbst schwere Lebensthemen liebevoll zu verwandeln. Doch sein Buch "Gebt mir etwas Zeit" ragt für mich noch einmal heraus.
Er ist weit mehr als ein Komiker oder Entertainer. Seine Bücher zeigen ihn als präzisen Beobachter innerer Prozesse, als jemanden, der menschliche Verletzlichkeit respektvoll und mit einer großen Portion Mitgefühl beschreibt, das definitiv aus seinen eigenen sehr herausfordernden Erlebnissen und Verlusten resultiert.
Sein Humor wirkt immer liebevoll, ist leise wie weise und verbindet Leichtigkeit mit Tiefe. Er schafft es, die Härten des Lebens so zu verwandeln, dass sie an Schwere verlieren und gleichzeitig an Bedeutung gewinnen.
In "Gebt mir etwas Zeit" öffnet Kerkeling einen stillen Raum: für Abschiede, für die Spuren der Vergangenheit, für innere Wandlungen. Er zeigt, wie Erinnerung uns prägt, aber auch, wie Versöhnung entsteht – nicht als dramatischer Moment, sondern als leiser, organischer Prozess. Besonders beeindruckend ist sein Umgang mit Trauer und familiären Themen. Anstatt Distanz zu schaffen, nähert er sich ihnen mit Offenheit, Respekt und einem feinen inneren Humor, der tröstet, ohne etwas zu beschönigen.
Was mich besonders beeindruckte, ist sein Weg der Ahnenforschung. Kerkeling nutzt dabei eine Form der inneren Bildarbeit, die der Aktiven Imagination ähnelt: Er verwebt Anekdoten, Erinnerungen und Geschichten mit inneren Bildern in einer Art Dialog. Dadurch entsteht ein tiefes Verständnis für das, was uns transgenerational prägt - ein zunehmend wichtigeres Thema auch in meiner Arbeit mit meinen Klienten.
Seine Suche führt ihn nicht nur in Archive und Familienüberlieferungen, sondern auch in innere Räume, in denen sich biografische Linien ordnen und neue Zusammenhänge erkennbar werden.
Dieses Zusammenspiel aus Forschung, Intuition und innerer Wahrnehmung führte zu einem Ergebnis, das ihn selbst überrascht hat: DNA-Hinweise auf eine Verbindung zum englischen Königshaus - was seine Rolle als Beatrix der Niederlande noch einmal in ein ganz anderes Licht setzt, da seine Urgroßmutter ein Techtelmechtel mit Folgen hatte.
Auch hier bleibt er bescheiden, staunend, fast demütig – er nimmt den Befund als poetischen Moment des Lebens, als Hinweis auf die weit verzweigten Wege menschlicher Herkunft, nicht als Anlass für Überhöhung und nimmt es lächelnd zur Kenntnis.
"Gebt mir etwas Zeit" ist ein Buch, das sich nicht aufdrängt. Es bietet Raum – Raum zum Nachdenken, Raum zum Fühlen, Raum für das Eigene. Es kann ein stiller Begleiter in Zeiten sein, in denen wir einen neuen Zugang zu uns selbst suchen oder eine liebevolle Perspektive auf unsere Geschichte brauchen.
Vielleicht ist es gerade deshalb ein so schönes Weihnachtsgeschenk: ein Buch, das Wärme schenkt, Verbindung schafft und uns daran erinnert, wie heilsam es sein kann, dem eigenen inneren Weg ein wenig mehr Zeit zu geben.