Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen

Suchtgefahr, Risiken & Möglichkeiten zum Umgang mit modernen Medien für Eltern

Handy ErreichbarkeitEs geht bei der Frage um den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen längst nicht mehr um das Ob, sondern eher um das Wie.

Medien sind in den letzten Jahren zum Alltagsbegleiter geworden und Kinder wachsen heute in die Dualität von analogen und digitalen Medien hinein. Eltern haben kaum noch eine andere Wahl, als den Umgang mit Medien zu erlauben bzw. in einem gesunden Rahmen zu fördern. Dabei gehen die Meinungen von Eltern und Kinder bezüglich einer angemessenen Dauer häufig weit auseinander und führen oft zu immer mehr Streitigkeiten oder, im schlimmsten Fall, zu einer Resignation bei den Eltern und einem daraus resultierenden ungehinderten Zugang der Kinder und Jugendlichen.

Ich werde häufig gefragt:

  • Ab wann ist Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen denn tatsächlich als gefährlich einzustufen?
  • Was sind möglich Risiken von Mediennutzung?
  • Wie kann ich diesen Risiken vorbeugen?
  • Wie kann ein gesunder Umgang aussehen?
  • Ab wann bedarf es professioneller Unterstützung?

All diese Fragen versuche ich im folgenden Artikel zu beatworten. 

Die aktuelle Bitkom-Studie (2019) zeigt, dass Jugendliche ihr Smartphone immer mehr zum Konsumieren von Medien, wie beispielsweise dem Musik-Streamen, Videoschauen, Zocken und Chatten verwenden, satt zum Telefonieren. Laut dem Ärzteblatt wird jedes Jahr bei rund 20.000 Kindern in Deutschland neu Mediensucht diagnostiziert. Das sind jährlich sechsmal mehr Neu-Abhängige als beispielsweise beim Konsum illegaler Drogen. Insgesamt gelten bundesweit aktuell rund 600.000 unter 18-Jährige als medienabhängig.

Warum ist Medienkonsum so attraktiv für Jugendliche?

Jeder kennt es – beim Warten im Café auf die Freundin oder in der Schlange beim Bäcker – das Smartphone dient häufig als Lückenfüller für Wartezeiten und das Überbrücken von Langeweile. Dies gilt auch für Kinder und Jugendliche und deren Freizeitgestaltung. Die dauerhafte Verfügbarkeit führt zu vermindertem Ideenreichtum und Kreativität bei der Aktivitäten-Planung.

Außerdem führt das intensive Erlebnis von Interaktivität durch beispielsweise das Zocken oder Austauschen im Netz, zu einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin, welche für Glücksgefühle sorgt. Betreiber von Plattformen sind sich dieser Wirkung bewusst und setzen sie gezielt ein.

Um in bestimmten Spielen gut und erfolgreich, sowie in sozialen Netzwerken auf dem neusten Stand zu sein, braucht es Zeit und Ausdauer. Das Gefühl von Zugehörigkeit und der Wunsch nach Beliebtheit kann Kinder und Jugendliche dazu motivieren, stundenlang in dieser Realität verbringen zu wollen, damit sie am nächsten Tag in der Schule mitreden können oder um positive Wertschätzung für die eigenen Fähigkeiten beim Spielen oder dem eigenen Aussehen/den tollen geposteten Bildern zu bekommen.

Doch neben der negativen Konnotation birgt die Mediennutzung und der Besitz eines Smartphones auch viele Vorteile, wie beispielsweise eine umfangreiche Informiertheit und vereinfachte Kommunikation und Erreichbarkeit und auch nicht jede exzessive Nutzung kann als krankhaft bezeichnet werden.

Ab wann spricht man von Mediensucht?

Der Medienkonsum eines Kindes oder Jugendlichen wird dann zum Problem, wenn er als problematisch oder krankhaft empfunden wird, sei es von dem Betroffenen selbst oder der Familie, oder sich der Konsum massiv auf das Alltagsleben auswirkt. Immer häufigeres Sitzen am PC, das Verpassen von Mahlzeiten bzw. die Weigerung zu diesen zu erscheinen, Lernverweigerung, Leistungsabbau, Desinteresse an anderen Aktivitäten, Schulverweigerung und aggressives Verhalten bei Verboten können mögliche Indizien sein.

Kurz zusammengefasst zeichnet sich eine Sucht bzw. Abhängigkeit von Medien dadurch aus, dass Betroffene nicht mehr aufhören können und wollen. Gedanklich sind sie ständig mit dem Konsum beschäftigt und nicht fähig, die Nutzungsdauer zu reduzieren oder einzuschränken. Des Weiteren brauchen Betroffene beständig mehr, um den gleichen Effekt erzielen zu können.

Wie kommt es zur Mediensucht? Wer ist gefährdet?

Handy ErreichbarkeitWarum werden einige Kinder und Jugendliche süchtig, während andere es nicht ? Das wurde in zahlreichen Studien bereits untersucht:

Eine Studie von Barth und Renner konnte einen Zusammenhang zwischen der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) bei Kindern und Jugendlichen und deren Anfälligkeit für Mediensucht belegen. Eine mögliche Erklärung ist, dass eine intensivere Reaktion von Kindern mit ADHS auf externe Reize erfolgt und sie schneller auf angebotene Belohnungen reagieren. Besonders Spiele, die nach dem Belohnungsprinzip funktionieren sind laut Ärzten für diese Kinder besonders ansprechend. Außerdem kann eine ausgedehnte Mediennutzung ein Hinweis für eine ungenügend behandelte ADHS sein.

Weitere Studien konnten zeigen, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Dauer, als auch in der Art des Medienkonsums gibt. So halten sich Mädchen eher in sozialen Netzwerken, wie Instagram, Snapchat und WhatsApp auf, während Jungen vorwiegend Online-Rollenspiele spielen.

Des Weiteren sind Kinder und Jugendliche, die soziale Probleme haben oder unter Depressionen leiden, besonders anfällig für Mediensucht. Das Gefühl von sozialer Unsicherheit kann in der virtuellen Welt kaschiert werden. Hier ist es möglich sich durch einen anderen Namen und andere Charaktereigenschaften so zu präsentieren, wie sie vielleicht gerne wären und es sich in der „Realität“ nie trauen würden. Außerdem bringt der Erfolg innerhalb der Spiele die Anerkennung anderer Spieler.

Was kann man als Eltern tun?

Als Elternteil kann ich aus eigener Erfahrung sagen, ist man oft ratlos und überfordert, da man selbst nicht weiß, welche Dauer, Menge oder Regeln angemessen sind. Unsere Generation ist nun einmal nicht mit diesen Themen aufgewachsen. Man kann sich informieren, aber nicht radikal einfach den gesamten Zugang zu diesen Medien verbieten. Mit kleineren Kindern ist es oft einfacher, je älter sie werden, um so heftiger wird ihr Widerstand und leider resignieren immer mehr Eltern angesichts des Widerstands und tragen so unbewusst zu späteren psychischen und sozialen Problemen ihrer Kinder bei.

Doch malen wir den Teufel nicht an die Wand. Was können Sie tun?

Beobachten des Kindes

Wie bereits erwähnt sind manche Kinder anfälliger, als andere. Um festzustellen, on Ihr Kind gefährdet bzw. betroffen ist, beobachten Sie, wie sich Ihr Kind/Jugendlicher beim Fernsehen, bei Videospielen oder vor dem Computer verhält:

  • Kommt er/sie selbstständig zum Ende? Ist es irgendwann genug?
  • Gibt es anschließend eine Zeit ohne die Mediennutzung oder folgt direkt eine neue mediale Betätigung?
  • Würde er/sie stundenlang vor dem Computer, dem Handy oder der Spielekonsole aushalten?
  • Können Sie bei Ihrem Kind/Jugendlichen Ticks aus dem Computerspiel, wie Räuspern, ruckartige Bewegungen, Augenzucken oder andere nervöse Gesten, im Alltag feststellen?
  • Wie reagiert Ihr Kund/Jugendlicher bei mehrtätiger Nichtverfügbarkeit von Medien (im Urlaub oder bei Verboten)?

Ehrliche und offene Kommunikation

  • Reden Sie mit Ihrem Kind/Jugendlichen und seien Sie ehrlich damit, wie es Ihnen geht.
  • Sprechen Sie offen über Ihre Befürchtungen und laden Sie Ihren Sohn/Ihre Tochter dazu ein das gleiche zu tun
  • Laden Sie Ihre Kinder zu eigenen Lösungsvorschlägen ein.
  • Zeigen Sie ehrliches Interesse an diesem Teil des Lebens Ihres Jugendlichens und versuchen Sie nachzuvollziehen, warum er/sie so viel Zeit damit verbringt.

hilfeWenn Sie keinen Zugang mehr finden können, kann es hilfreich sein sich professionelle Unterstützung zu suchen. Neben Einzelsitzungen für die/den Betroffene/n und Elterntele sind auch gemeinsame Sitzungen hilfreich, um sowohl das Problem zu lösen als auch wieder zueinander zu finden.

 

Klare Regulation

  • Setzen Sie Grenzen und halten Sie sie ein!
  • Um Mediensucht vorzubeugen, empfehlen Experten, den Besitz eigener Geräte im Zimmer so lange wie möglich hinauszuzögern oder zu vermeiden.
  • Etablieren Sie klare Zeiten für die Nutzung, sowie klare Zeiten, in denen die Nutzung nicht erlaubt ist, wie beispielsweise beim Abendessen, während der Hausaufgaben oder wenn Freunde zu Besuch sind. Dies ist vor allem bei jüngeren Kindern besser möglich, als bei Jugendlichen und erfordert Konsequenz.
  • Schaffen Sie einen Ausgleich, indem Sie Zeit mit Ihren Kindern verbringen, um sich zu unterhalten und Spiele zu spielen

hilfeViele Jugendliche lassen sich ab einem gewissen Alter nicht mehr regulieren und reagieren nicht auf die Androhung oder Durchsetzung von Konsequenzen. In diesem Fall können wir in einer gemeinsamen Sitzung schauen, was es für Sie braucht, um gut für sich zu sorgen und einen Umgang damit zu finden.

 

Der ehrliche Blick auf das eigene Konsumverhalten

Enden wir also mit dem wohl banalsten und dennoch wahrscheinlich schwierigsten Hinweis:

Wie sieht Ihr eigenes Konsumverhalten aus?
Erlebt ein Kind das Smartphone und Tablett als ständigen Begleiter, ist es nicht verwunderlich, dass es dieses Verhalten nachahmt. Als Eltern sind Sie Vorbilder und die beste Referenz, die ein Kind hat. Dabei geht es in keinem Fall darum, einen Schuldigen zu identifizieren oder vorwurfsvoll mit dem Finger auf Sie zu zeigen. Eher geht es darum, das Kind oder den Jugendlichen zu verstehen und ihn nicht dadurch zu verwirren, indem Sie ihm verbieten, was Sie selbst tun.

Erwachsene haben die Fähigkeit, ihr eigenes Verhalten zu regulieren und zu bemerken, wenn es zu viel wird und sie selbst belastet. Bei Kindern ist das nicht immer der Fall und daher sind Sie gefragt:

  • Legen Sie das Smartphone während des Essens zur Seite?
  • Sind Sie dauerhaft erreichbar oder gönnen Sie sich Handy-Auszeiten?
  • Ist das abendliche Fernsehen für Sie die ultimative Entspannung?
  • Wie viel Zeit verbringen Sie in sozialen Netzwerken oder beim Spielen von Handygames?

Zusammenfassend stelle ich fest:

  • dass Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen sowohl nicht zwangsläufig gefährlich ist als auch nicht mehr zu vermeiden
  • es geht hierbei vor allem um einen bewussten Umgang sowie das Wissen um die Risiken.

 

Quellen

Barth, G. M., & Renner, T. J. (2015). ADHS und Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen. SUCHT, 61(5), 293–301. https://doi.org/10.1024/0939-5911.a000385

Bianchi, A., & Phillips, J. G. (2005). Psychological predictors of problem mobile phone use. CyberPsychology & Behavior, 8(1), 39–51. doi: 10.1089/cpb.2005.8.39 

Caplan, S. E. (2003). Preference for online social interaction: A theory of problematic internet use and psychosocial well-being. Communication Research, 30(6), 625–648. doi: 10.1177/0093650203257842

https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/versorgungsforschung/article/931164/mediensucht-jedes-jahr-erkranken-20000-kinder.html

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