Die Skelettfrau

Ein Selbstfürsorge- und Beziehungs-Märchen der Inuit von Clarissa Pinkola Estés aus dem Bestseller "DIE WOLFSFRAU"

joshua fuller XTwGQHu6tno unsplashDas Märchen

Viele Jahre waren vergangen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeerhinabgestoßen hatte und dass sie ertrunken war. So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen ihre kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und um- und umgedreht. Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hieß, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge.

Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: "Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen." Das Skelett bäumte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers.

zoltan tasi YHgEDpVMuts unsplashDas Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. "Iii, aiii", schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing. "Aiii", und "igitt", schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer.

Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. Über das Eis und den Schnee; über Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein.

"Weg mit dir", schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann her geschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen.

Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war.

Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt.

Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah -aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe. "Na, na, na", murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schließlich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror.

Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht. Sie trank und trank. bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes. das ebenmäßig und ruhig in seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. „Oh, Fleisch, Fleisch. Fleisch“, sang die Skelettfrau. „Oh, Haut, Haut, Haut.“ Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte. für einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen. eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme. große Brüste.

Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen. Fest aneinandergeklammert.

Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres. ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns. und viele unserer Leute glauben es heute noch.

(Die Skelettfrau ist eine Originalerzählung von Clarissa Pinkola Estés aus dem Buch "Die Wolfsfrau" - Alle Rechte vorbehalten.)

 

Warum veröffentliche ich diesen Text in Verbindung mit Selbstfürsorge und Beziehung?

Ich habe dieses Märchen in dem o.g. Buch vor langer Zeit gelesen und konnte es nie vergessen. Es wurde sogar von Flesh & Bone 1993 mit dem Titel „Skeleton Woman“ vertont und die CD hat mir sehr gut gefallen.

Und hier ist nun meine Interpretation: Dieses uralte Märchen zeigt uns zuallererst einmal, dass Werte in verschiedenen Kulturen unterschiedlich sind. Schönheit wird anderswo anders verstanden als bei uns. Was jedoch allen Menschen wohl gemeinsam ist, das ist das Bedürfnis nach Nähe und Verzeihen, so geliebt zu werden, wie man nun einmal ist: als Mensch, nicht als scheinbar fehlbare/r Gott/Göttin, der keine Fehler haben oder machen darf.

 

Es geht um Einsamkeit und Ungerechtigkeit

Es erzählt von den Jahren der Einsamkeit, die so manch eine Frau erlebt, weil gesellschaftliche Regeln oder irgendetwas anderes allzu Menschliches ihr solches Leid zufügten, dass sie sich wie tot fühlte. Z.B. Es ist noch nicht so lange her, dass auch in Deutschland Frauen grausam geächtet wurden, selbst wenn sie nach einer Vergewaltigung oder unehelich ein Kind bekamen. Es geschieht auch in Deutschland noch, dass Frauen nach einer Scheidung in einer für sie unerträglichen Ehe dafür ausgegrenzt und ausgeschlossen werden, auch wenn sich hier viel verändert hat. Gerade Frauen mit Migranten-Hintergrund haben noch sehr mit diesen Regeln zu kämpfen – und es gäbe noch viele mehr Beispiele, die Sie selbst vielleicht kennen).

 

Loslassen lernen mit Hilfe des Unterbewusstseins

In solchen Zeiten kann und darf eine Frau lernen, loszulassen, sich wie in diesem Märchen den Wellen des Lebens zu überlassen, zu tun, was getan werden muss, bis die Zeit den Raum geschaffen hat, aus dieser Zeit wieder aufzutauchen.

Auch die deutschen Märchen von Dornröschen und Schneewittchen erzählen von einer Zeit der Ohnmacht, des tiefen Schlafs, also einer Unbewusstheit, auf die irgendwann wieder ein wacheres Bewusstsein folgen kann.

Das wird in diesem Märchen dargestellt durch die Fische, die ihr alles abnagten, was fleischlich in ihr war. Fleischlich bedeutet hier wohl das allzu Menschliche.

Und ja, in solchen Zeiten meiden Männer solche verletzten Frauen, denn sie können nicht für sie da sein. Wer kein Verständnis für sich hat, hat auch keines für andere.

 

Die Unschuld der Liebe auf den ersten Blick

Und wenn dann eines Tages jemand UNSCHULDIGES kommt, der sie will, ohne es wollen zu müssen, der seine ganz persönlichen Gründe hat, dann kann auch sie, die alles aufgeben musste, sich wieder ergreifen lassen.

Sie sieht so zufällig aus, diese Liebe auf den ersten Blick. Und dann folgt, was kommen muss, nämlich so manches Mal zuerst ein heftiger Kampf. Sie lässt sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen (sie fischt sich alles, was sie braucht, zusammen) und der arme Mann wusste wirklich nicht, was er sich da einhandelte.

 

Es geht ums Verzeihen

Bis der Moment kommt, der bei so vielen Liebenden erst nach einer Weile herausgefunden wird – wie sehr ein gemeinsamer Schmerz sie einen kann. Indem er ihre Güte erfährt und auch fast unbewusst zulässt (er schläft während sie sein Herz mit ihrem Erbarmen heilt), die nur aus dem Verzeihen kommen konnte, dem Verzeihen, einfach alles hinter sich gelassen zu haben (niemand erinnerte sich mehr daran, warum sie eigentlich so bestraft worden war).

Byron Katie formuliert das so:
Vergebung ist dann Vergebung, wenn man erkennt,
dass es nichts zu vergeben gibt

Das fällt nicht immer leicht in einer Beziehung, gerade wenn Vertrauen verraten wurde, man sich ungerecht behandelt fühlte, übervorteilt wurde oder das wirkliche Miteinander irgendwie verloren ging. Hier das Rechthaben aufzugeben und dem Liebhaben wieder Raum zu geben ist wahrlich nicht leicht. Und in diesem durchaus herausfordernden Märchen geht es gut aus. Bei Menschen ist es manchmal besser, sich zu trennen. Die Frage ist: WIE?

Menschen haben immer einen guten Grund für ihr Handeln, er ist ihnen aber nicht immer bewusst! Und das drückt das Bild aus, in dem Sie eine Träne trinkt, mit der alle Heilung beginnt. Es ist oft der – manchmal unausgesprochene - Schmerz des anderen, den wir umarmen lernen dürfen, bevor wir einander wirklich nah ein können.

 

Es gibt keine Schuldigen in diesem Märchen

Und selbstverständlich sind es nicht immer nur die Männer, die so etwas tun! Manchmal tut man sich auch selbst so etwas an, indem man unbedacht den Falschen wählt, sich trotzdem nochmal verliebt und z.B. dann eine andere, neue Beziehung will, sich die resultierenden Schwierigkeiten nicht mehr verzeihen kann.

Auch hier kann das Vergessen der wohltuende Helfer für einen Neubeginn sein. Kennen Sie das: sie haben sich vor vielen Jahren mit jemandem gestritten und die Beziehung ist zerbrochen und Sie wissen einfach überhaupt nicht mehr, warum? Dieses Vergessen ist gemeint. Es geschieht nicht absichtlich. Niemand kann absichtlich vergessen.

 

Die Therapie

Viele Paare kommen mit ihren Schwierigkeiten zu mir und manchmal finden sie wieder zusammen in einen Neubeginn, manchmal trennen sie sich. Ich sehe meine Aufgabe darin, beiden zu helfen, das zu finden, was sie wirklich wollen und das so friedvoll wie es ihnen möglich ist, dann auch zu leben.

Mein Wirkungskreis

Vorort in meiner Praxis
in Schifferstadt

Im Umkreis
Speyer, Ludwigshafen, Mannheim, Limburgerhof, Mutterstadt, Waldsee, Neuhofen, Böhl-Iggelheim, Hassloch

Großraum Rhein-Neckar
Heidelberg, Weinheim, Germersheim, Karlsruhe, Bensheim, Heppenheim, Landau/ Pfalz, Neustadt/Wstr., Grünstadt, Frankental, Worms, Viernheim.

Online (Skype DE/EN)
Deutschland, Österreich, Schweiz

Heilpraktiker für Psychotherapie
in Schifferstadt auf jameda

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